Direkt zum Inhalt

89, aber kein bisschen müde

RESPEKT Trude Kühn hilft, wem sie kann: Unterstützung für Nachbarn, Kinder, Alte und Kranke (Wiesbadener Kurier, Ausgabe vom 12.04.2017).

Alte Frau und Kind reichen sich die Hände

Trude Kühn ist eine weit gereiste Frau. Sowjetunion, Griechenland, DDR, Russland, Polen, in ihren 89 Lebensjahren hat die Wiesbadenerin viel erlebt, viel gesehen. Davon zeugen all die Bilder im Flur des Hauses in der Dachsteinstraße, das sie mit ihrem Mann Richard vor 50 Jahren baute. 53 Jahre lang waren sie verheiratet. Als ihr Mann, der einst das Jugendamt bei der Stadt Wiesbaden leitete, vor 13 Jahren starb, beschloss sie, ihre Zeit anderen Menschen zu geben. "Wer gesund ist, der kann was für andere tun", sagt Trude Kühn.

Zierlich ist sie, schmal, fast zerbrechlich. Ihre himmelblauen Augen sind hellwach, ihr Lachen ist ansteckend. Trude Kühn ist 89, aber kein bisschen müde: Sie kümmert sich um den Garten einer kranken Freundin, sie liest im Kindergarten vor, trägt in Klarenthal die Geburtstagsbriefe der Gemeinde aus, geht ins Lorenz-Werthmann-Haus und verteilt dort Kuchen an Menschen, die fast alle jünger sind als sie. Sie führt für die Nachbarn den Hund aus, hütet für andere auch mal die Kinder.

Hilfsbereitschaft beruht auf Gegenseitigkeit

Die Hilfsbereitschaft, das ist ihr wichtig, beruht auf Gegenseitigkeit: Die Nachbarn wiederum helfen ihr zum Beispiel beim Einkauf. "Der nebenan ist abonniert auf Tütenmilch." Der Zusammenhalt ist sehr eng: "Wir verstehen uns blendend." Nachbarn nennen sie den "Engel aus der Dachsteinstraße". Aber wenn Trude Kühn eins nicht mag, ist es übertriebene Aufmerksamkeit für etwas, das sie als selbstverständlich empfindet. "Ich habe ganz viel Glück gehabt" und "Das sind die guten Gene": Trude Kühn gibt zurück, was sie kann, ohne Erwartungen. "Ich freue mich, wenn sich jemand freut. Aber Dankbarkeit? Nein, die erwarte ich nicht."

Trude Kühn sagt: Wer helfen möchte, der muss nur sehen, wo die Hilfe gebraucht wird. Als im Herbst 2015 Flüchtlinge ins Simeonhaus einzogen, wollte sie helfen. Also ging sie zur Stadt. "Aber da wusste der eine nicht, was der andere tut." Also machte sie kurzen Prozess und spazierte zum Ort des Geschehens. "Die haben mich sofort eingestellt." Und so teilte Trude Kühn dreimal pro Woche Frühstück an 500 Menschen aus. "Es war eine gute Zeit." Wo auch immer die 89-Jährige hin muss, sie nimmt den Bus und geht viel zu Fuß. "Bewegung hält mich fit", betont sie. Ihre drei Kinder wohnen in Klarenthal, Darmstadt und Mainz. Auch dahin fährt Trude Kühn mit Bus und Bahn. Und für ihre Nichte, die in Hannover wohnt, steigt die 89-Jährige selbstverständlich ebenfalls in den Zug. Anstrengend sei das Reisen für sie nicht. "Ich bin nur ein wenig aufgeregter als früher", sagt sie lächelnd.

Trude Kühn mag es organisiert, vor allem im Haushalt: "Da muss alles in Ordnung sein." Darauf legt sie Wert. Dadurch habe sie eben die Zeit für all die anderen Dinge. Nimmt sie sich Zeit für sich, dann gerne für Literatur. Im Wohnzimmer liegen Klassiker von Goethe und Fontane, Bücher über Ethik: "Philosophie macht süchtig." Außerdem werkelt sie gern in ihrem Garten. "Nur für die Hecke kommt ein Gärtner." Manchmal macht die 89-Jährige auch den Fernseher an. "Nur nach acht Uhr." Kabarett schaut sie gern, "Die Anstalt" zum Beispiel. Oder Fußball, Mainz 05 und Darmstadt. Angst vor Krankheit hat die gebürtige Gummersbacherin keine. Denn: "Et kütt wie et kütt." Und bis dahin nutzt sie die Zeit, so gut sie kann.

 

Von Cane-Sophie Buzluda

Verlagsgruppe Rhein Main GmbH & Co. KG    
Erich-Dombrowski-Str. 2    
55127 Mainz    
Tel:     +49 (6131) 48 5977    
E-Mail: dkiedrowski@vrm.com

Internet: www.vrm.de